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 Kanarischen Inseln im Zeitalter der Romantik (1770 - 1830)

Europäische Forschungsreisen

Im Jahre 1770 wurden Beethoven, Hölderlin und Hegel geboren, ein Musiker, ein Poet und ein Philosoph, die die Kultur ihrer Epoche prägen sollten. Im August 1769 wurde Napoleon Bonaparte, der Sohn der Französischen Revulotion geboren, der der Geschichte Europas eine neue Wende geben sollte. Damals war Horatio Nelson ein kleiner Junge von 12 Jahren; Goethe war 21 und würde bald seinen Werther schreiben, den Roman, der die romantische Bewegung einläuten sollte. Das 18. Jahrhundert, das Zeitalter der Vernunft und Aufklärung, sah seinem Ende entgegen, einem Ende, das auf die Umsetzung der aufklärerischen Ideale in die Tat drängte. Doch der Versuch der Verwirklichung dieser Ideale, begleitet von der Hoffnung auf Befreiung aus jahrhundertealter Unterdrückung und Unmündigkeit, aber auch verbunden mit neuer blutiger Gewalt, zeigte zugleich die Grenzen dieser Ideale auf - sowohl in der Wirklichkeit als auch in der Reflexion. Aus den enttäuschten Hoffnungen, die Aufklärung und französische Revulotion zurückgelassen haben, entstand die Kultur der Romantik, ein zwiespältiges Gebilde, in dem Todessehnsucht, finstere Reaktion und Rückwendung zum Mittelalter ebenso ihren Platz hatten wie ein neuer Blick auf Natur und Gesellschaft, der auch die Hoffnung umschloss, dass langsames und organisches Wachsen, dass Entwicklungsprozesse, dass Evolution erreichen könnte, was Gewalt und Revulotion nicht gelungen war, nämlich Geist und Natur zu einer neuen Einheit zusammenzuführen. War dieser Geist der Romantik aber wirklich mehr als nur eine poetische Illusion, die sich im ernüchterten Europa der Restauration und der Industrialisierung schnell verflüchtigte? Gibt es, einmal abgesehen von den zum Werbeslogan verkommenen "romantischen Gefühlen", irgendeine bleibende Spur der in dieser Umbruchsphase der Menschheitsgeschichte gewonnenen kollektiven Erfahrungen?

So überraschend es klingen mag: einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage verspricht ausgerechnet die Wissenschaftsgeschichte der kanarischen Inseln. Diese Wissenschaftsgeschichte aber ist kaum zu verstehen, ohne zunächst einmal die triste soziale und ökonomische Realität des kanarischen Archipels im Zeitalter der Romantik zur Kenntnis zu nehmen. Kaum irgendwo sonst werden die Ungleichzeitigkeiten zivilisatorischer Entwicklung innerhalb Europas so augenfällig wie gerade hier. Zugleich aber werden damit die engen, in der Tat zu engen Grenzen des Projekts Aufklärung deutlich, ebenso wie paradoxerweise die Notwendigkeit, dieses Projekt weiterzuführen, auch da wo der europäische Zeitgeist - heisse er nun Romantik oder Postmodernismus - längst über dieses Projekt hinweggegangen zu sein scheint. Dieses ambivalente Erfahrung haben wohl auch die Reisenden der Romantik gemacht. Sie sind auf dem kanarischen Archipel der Grenzen einer monolithischen europäischen Vernunft gewahr geworden, die dem Neuen und Unbekannten mit dem kolonisatorischen Anspruch gegenübertritt, es ihren Kategorien unterzuordnen. Und zugleich habe diese Forschungsreisenden erfahren müssen, wie weit die kanarische Wirklichkeit entfernt war von elementaren Einsichten in die Vernunft gerechter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse.

Kanarischen Inseln im Zeitalter der Romantik (1770 - 1830)

Um 1770 hatten die kanarischen Inseln rund 153.000 Einwohner. Es waren Jahre voller wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Not. Der traditioneller Export von Wein nach dem Norden Europas war rückläufig. Der Handel mit Amerika wurde ebenfalls immer schwieriger, da eine Öffnung der Festlandhäfen für den Handel mit Westindien die Kanarier benachteiligt hatte. Die erweiterte Handelsfreiheit, die im Jahr 1778 verordnet wurde, führte schliesslich zum Ruin der kanarischen Wirtschaft, da sie im Wettbewerb mit dem Festland nicht bestehen konnte. Die Auswanderung in die Neue Welt erwies sich als der einzige Ausweg für einen grossen Teil der Inselbevölkerung. Mehr als 2000 Kanarier aus fast allen Inseln emigrierten damals nach Louisana als Soldaten und als Siedler. Hunderte von Einwohnern aus Fuerteventura und Lanzarote zogen 1771 auf die reicheren Inseln, auf der Flucht vor dem Hunger, der eine Folge der Trockenheit und der Fehlernten der vorhergehenden Jahre war. Geheime Absprachen bei der Vergabe von Boden und die Selbstherrlichkeit der Mächtigen wurden zum Anlass für Aufstände. Der schlimmste Fall dieser Art geschah im Jahre 1777 in La Aldea, Tejeda und Artenara.

Immerhin waren die Jahre um 1770 eine äusserlich friedliche Zeit, soweit man das von einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen mit England vor und nach 1770 behaupten kann. Alles in allem war dies für den Inselarchipel eine Zeit des Aufatmens, ohne Korsarenangriffe und gewaltsame Unterbrechungen der Handelsaktivitäten. Die Durchführung der durch Karl den Dritten initiierten Reformen in der Stadt- und Gemeindeverwaltung brachten einige administrative Verbesserungen mit sich, die aber in ihrer Wirkung begrenzt blieben: Auf La Palma wurden die lebenslang eingesetzten Verwalter durch im Amt zeitlich begrenzte und vom Volk bestimmte Verwalter ersetzt. Auf den Inseln, die im Besitz der sog. Señores (Herrscher) waren, wurden ab 1772 auch die Bürgermeister vom Volk gewählt, statt durch den jeweiligen Señor (Herrscher) ernannt zu werden.

In dieser Zeit erreichte die europäische Aufklärung auch das intellektuelle und kulturelle Leben des Archipels. Zwischen 1772 und 1776 wurden die drei ersten Bände der Aufzeichnungen der Allgemeinen Geschichte der Kanarischen Inseln von Viera y Clavijo veröffentlicht, das Standardwerk der Geschichtsschreibung der Inseln. Zwischen 1776 und 1777 wurden die Königlichen Wirtschaftsgesellschaften und der Gesellschaften der Freunde des Landes von La Gomera, La Palma, Las Palmas de Gran Canaria und Teneriffa gegründet. Im Jahr 1777 wurde in Las Palmas das Konzilsseminar gegründet, das eine erstklassige Erziehungsanstalt und Sitz des intellektuell vorgeschrittensten Klerus war. Alles in allem aber bleibt die kanarische Aufklärung eine periphere Erscheinung, denn sowohl ihre Rückwirkungen auf Europa als auch auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Archipels blieb begrenzt.


 

Wissenschaftliche Expeditionen

Für die europäische Geistesgeschichte entscheidender war eine andere Entwicklung: Zwischen 1770 und 1830 trafen etwa dreissig wissenschaftliche Expeditionen auf den Kanaren ein. Für den Grossteil von ihnen waren die Inseln nicht mehr als ein erzwungener Zwischenaufenthalt zur Proviantaufnahme auf ihrem Weg nach Amerika oder den südlichen Meeren, die zu diesem Zeitpunkt die Grenze des Bekannten und Beherrschbaren darstellten. Zwei Typen von Reisen lassen sich deutlich unterscheiden: Zum einen gab es - vor allem vor 1800 - wissenschaftliche Expeditionen mit genau definiertem Zweck: dazu gehören die Expeditionen von Cook, Laperouse, D´Entrecasteaux, und Baudin. Diese Reisen waren vom Geist der Aufklärung und des Fortschritts beflügelt. Als zum Beispiel 1796 die Belle Angelique unter dem Kommando von Kapitän Baudin auf ihrem Weg zu den Antillen schwere Schäden aufgrund eines Unwetters erlitt, musste sie vier Monate zur Reparatur auf der Insel Teneriffa bleiben. Der an Bord befindliche Naturforscher André Oierre Ledru schrieb bei dieser Gelegenheit seinen ersten ausführlichen Bericht über die Kanaren. Einige Jahre später verfasste der Zoologe und Botaniker Bory de Saint Vincent ein ähnliches Werk.

Zum anderen gab es Reisen, die nicht auf Veranlassung von Akademien stattfanden, sondern auf private Initiative zurückgingen. Ohne Frage ist Alexander von Humboldt, der 1799 auf die Kanaren reiste, ein Pionier dieses Typs von Reisen. Diese Reisen waren motiviert von individuellem Wissensdurst aber auch von der durch die deutsche Naturphilosophie geprägten Vision eines umfassenden Naturstudiums, das nicht an einen durch zunehmende Spezialisierung geprägten Fächerkanon gebunden war. Humboldt war der erste "global" denkende Wissenschaftler, der systematisch Daten über die weitreichende Vielfalt von Kräften auf unserem Planeten (Gezeiten, Winde, Strömungen, Temperaturen, Elektrizität, Magnetfelder, ...) sammelte, sie miteinander verglich und als ein geschlossenes System zu verstehen versuchte.

Wissenschaft und Romantik

Mit Humboldt begann eine ganze Ära solcher Reisen ohne akademische Prävention, die sich aber dennoch als äusserst fruchtbar für den Archipel und seine Wissenschaftsgeschichte erweisen sollten: Man denke z.B. an den Aufenthalt des Botanikers Broussenet, der vor den napoleonischen Kriegen geflohen war. Sein Florilogium canariensis hatte einen enormen Einfluss auf die Geschichte der Botanik. Oder man denke an die Reise von Buchs und des Norwegers Smith, die auf Bitte von Humboldt selbst zustande kam. Diese Reise legt den Grundstein für alle späteren geologischen Studien über die Inseln und auch für die Arbeiten von Webb und Berthelot. In dem enzyklopädischem Werk dieser beiden Autoren werden die kanarischen Inseln als natürliche und kulturelle Einheit begreifbar. Insgesamt führen diese "romantischen" Forschungsreisen dazu, dass sich die Kanaren von einer blossen Durchgangsstation zum eigentlichen Untersuchungsobjekt für die europäischen Wissenschaften entwickeln. Sie behielten diese Stellung noch während des ganzen Rests des Jahrhundert. Dabei wurden beständig neue Wissensgebiete einbezogen, darunter auch die Medizin und die Astronomie.

Kommen wir auf unsere Ausgangsfrage zurück: wie flüchtig war der Geist der Romantik? Ein kurzer Blick in die Wissenschaftsgeschichte der kanarischen Inseln zeigt, dass die romantischen Hoffnungen auf eine sich entwickeln - der Einheit von Natur und Vernunft - wie illusorisch sie auch gewesen sein mögen - immerhin dazu geführt haben, dass einige Forscher nicht zuletzt aufgrund von auf den kanarischen Inseln gesammelten Erfahrungen eine neue wissenschaftliche Perspektive entwickelt haben. Aus dieser Perspektive, zu deren bedeutendsten Vertretern Naturforscher wie Humboldt, von Buch, aber auch Charles Darwin gehören, wird nicht nur der natürliche Kosmos des Archipels sondern auch unser Planet in seiner Gesamtheit als Ergebnis oder vielmehr Zwischenergebnis einer universellen Naturgeschichte begreifbar. Vor dem Hintergrund dieser Einsicht aber wird zugleich die Verpflichtung deutlich, diesen Kosmos nicht nur auszubeuten, sondern auch zu bewahren.

Die kanarische Stiftung für Wissenschaftsgeschichte Orotava (Fundación Canaria Orotava de Historia de La Ciencia) organisiert das internationale Symposium "Wissenschaft und Romantik", das am 12., 13. und 14. September 2002 in Maspalomas (Gran Canaria) stattfinden wird. Dort wird man dieses Thema auf dem Stand der aktuellen Forschung diskutieren. In Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung von San Bartolomé de Tirajana, der Inselregierung von Gran Canaria und der Universität von Las Palmas de Gran Canaria werden während dieser Tagen fünfzehn interdisziplinäre Vorträge stattfinden, in denen Philosophie, Wissenschaft und Poesie gemeinsam und - ganz wie in der Romantik - jenseits akademischer Abgrenzungen zu einer Einheit der Erkenntnis beitragen werden.


 

Quelle: Report Tenerife